Die schwierigste Sportart

Golf so sagt man, zählt nach Stabhochsprung und vor dem Skispringen zu den „schwierigsten“ Sportarten der Welt, was die  Komplexität der Bewegungsabläufe angeht. Während eines Golfschwungs sind bis zu 400 Muskeln des menschlichen Körpers aktiv. Betrachtet man nun noch die Vielzahl von Schlägerarten – vom Driver über die Hölzer und Eisen bis zum Putter – in  Kombination mit der jeweiligen Schlagtechnik, wird man nach dem perfekten und einzig „richtigen“ Golfschwung vergeblich suchen.

So viel zur Theorie. image

Im Technikum Wien widmet sich Professor Anton Sabo im Auftrag von Nike, Adidas, Komperdell und etlichen anderen Sportartikel-Produzenten dem Zusammenspiel von Technik, Medizin und Sport. Das eröffnet auch neue Chancen für das österreichische Spitzengolf, den Breitensport und die Golfschlägerindustrie.

Hexenmeister und Zauberlehrling
„Beim Golf findet in 30 bis 50 Mikrosekunden die Impulsübertragung statt. Kleinste technologische Änderungen haben gleich enorme Auswirkungen auf den Golfschlag“, beschreibt FH-Professor Anton Sabo (l.) – hier mit Armin Rockenschaub, einem seiner Studenten – seine Faszination an den wissenschaftlichen Golf-Projekten.

Die Praxis sieht so aus, dass Golf, wie jede Sportart, auf einfachen physikalischen Prinzipien basiert. Der Spieler überträgt mit dem Schläger einen Impuls auf den Ball. Der Ball verarbeitet den Impuls und wandelt ihn in Beschleunigung um. Diese Impulsübertragung findet im Mikrosekundenbereich statt – und damit Sie eine Vorstellung davon bekommen: Das ist ein Bereich von 0,000001 Sekunden! In diesem Zeitraum entscheidet sich die Länge des Schlages und die Flugkurve des Balles. Diese ist somit nicht nur abhängig von der Bewegung des Spielers, sondern auch vom Material des Schlägers, von den Flex-Eigenschaften des Schaftes und vielen an deren kleinen Details. Ändert man eines davon, hat dies eine große Auswirkung auf den Schlag.

Der Technikerimage
Diesen physikalischen Phänomenen widmet sich Professor Anton Sabo an der FH Technikum in Wien. Der Leiter des Studiengangs Sports Equipment Technology erforscht seit gut zehn Jahren neben Laufschuhen, Ski-Equipment, Fahrrädern und Ähnlichem auch alles, was mit Golf zu tun hat. Es geht immer um die Frage, welches Equipment für welchen Sportler das Optimum bietet.
Die drei zentralen Komponenten dabei sind der Trainingszustand, die sportliche Technik und das Sportgerät. Erst wenn jede einzelne der Komponenten an ihrer Grenze und mit den anderen in Einklang gebracht worden ist, befindet sich der Sportler am Maximum seiner Leistung. Um das zu erforschen, braucht es spezielle Messtechniken, die einerseits den Spieler und andererseits das Equipment erforschen. Die Methoden Um die Schwungbewegung beim Golf besser verstehen zu können, verknüpft man verschiedenste „Hardcore“-Wissenschaften, wie etwa Physik, Biomechanik, Elektrotechnik, Informatik, Anatomie, Physiologie und die sportliche Technik. Um darüber hinaus auch Aussagen über das Schlägerverhalten treffen zu können, kommen die Materialwissenschaften inklusive der Prüftechnik und der Simulationstechnik zum Zug.
Beim Golfschwung ist es besonders wichtig, die ermittelten Daten synchron zum Videobild auswerten und gemeinsam analysieren zu können. Dazu stehen verschiedene Messsysteme wie Goniometrie (Winkelmessung), 2D/3D-Highspeed-Aufnahmen, Druckaufnehmer-Sensoren, Beschleunigungssensoren etc. zur Verfügung.image

Was bringt’s wem?
In erster Linie profitiert natürlich die Industrie, wesentlicher Sponsor des Unterfangens, von den Erkenntnissen. Ein besonders „heißes“ Projekt, an dem Sabo zurzeit arbeitet, ist der neue Golfball von Nike, der Gerüchten zufolge neue Maßstäbe setzen soll. Mit dem österreichischen Sportartikelhersteller Komperdell arbeitet man an der Entwicklung eines neuen Putters. Für die in Vorarlberg ansässige Firma Option Golf untersucht untersucht das Team der FH Technikum gerade die Eigenschaften Flex und Torsion der neuen Schäfte.

Für die Topgolfer, von den Profis bis zum Nachwuchs in den verschiedenen ÖGV-imageKadern, erhöht  sich mit diesen neuartigen Messungen sowie der Analyse des wechselseitigen Zusammenspiels von Schwung und Material die Effektivität und Effizienz des Trainings enorm. Als weiterer Effekt kommt hinzu, dass erstmals das Zusammenspiel der individuellen Schwungtechnik unserer Leistungsspieler mit dem verwendeten Material auf wissenschaftlicher Basis optimiert werden kann. Im besten Fall wissen die Trainer und Spieler nicht nur, mit welcher Technik sie weiter, gerade, besser schlagen können, sondern kennen auch den – wissenschaftlich erfassten – Grund dafür.  „Und wenn die Trainer ihr Know-how über biomechanische Abläufe und Zusammenhänge beim Schwung verbessern, wird der Spitzensport allgemein davon profitieren“, so Sabo.

Für den Breitensport gelten grundsätzlich die gleichen positiven Faktoren wie für den Spitzensport. Der Nutzen für Hobbygolfer wäre selbst in vereinfachter Form ein deutlicher Schritt in Richtung Trainingsoptimierung bei limitiertem Zeitaufwand. Da kann man sich nur freuen, wenn die Erkenntnis von Goethes Zauberlehrling zutrifft: „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht los!“

Mit freundlicher Genehmigung
BE Perfect Eagle GmbH